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Vor
80 Jahren:
November
1918 |
Generalstreik
in Pratteln
„Kein
Betrieb in Pratteln konnte seine mörderischen Pfeifen ertönen lassen, schon
in der Nacht wurden die Nachtbetriebe eingestellt.“ So berichtete der Vorwärts,
die Zeitung der Basler und der Baselbieter Arbeiterschaft am 20. November 1918
in einem Rückblick auf den Verlauf des Generalstreiks in Pratteln. Aufgrund
des guten Verlaufs in Pratteln gelang es, die Bewegung auch auf Schönthal,
Kaiseraugst und Muttenz auszuweiten, so dass im Raum Pratteln 30 Betriebe
„feiern konnten“, wie sich der Vorwärts ausdrückte.
Was
war geschehen? Am Montagabend, den 11. November, hatte eine Versammlung von über
1000 Arbeiterinnen und Arbeitern in Pratteln beschlossen, sich dem
landesweiten Generalstreik anzuschliessen. Dieser war zunächst als
Proteststreik gegen ein provokatives Militäraufgebot in Zürich ausgerufen
worden, Am 11. November wurde der Generalstreik dann für die ganze Schweiz
beschlossen. Mehr als 300'000 Arbeiterinnen und Arbeiter traten in Ausstand.
Das angeblich so umstürzlerische Programm dieses Streiks enthielt so
revolutionäre Forderungen wie das Frauenstimmrecht, die Einführung einer AHV
und die 48-Stundenwoche!
Welt-
und Lokalgeschichte
In
die Weltgeschichte ist der 11. November 1918 aber als Tag des
Waffenstillstands eingegangen. Der Erste Weltkrieg, der viereinhalb Jahre lang
sinnlose Schlächtereien und Materialschlachten bisher ungeahnten Ausmasses
gebracht hatte, war zu Ende. Ein Jahr nach der Revolution in Russland erhob
sich in Deutschland und in anderen Ländern das Volk. Die Welt war im Umbruch.
In der Schweiz wurde das Kriegsende aber auch umschattet von einer
Grippeepidemie, die 1918 über 20'000 Tote forderte. Im Grossmattschulhaus in
Pratteln war ein Notspital eingerichtet worden. Der Unterricht fiel wegen
Ansteckungsgefahr wochenlang aus.
Das
Ende des Streiks
Drei
Tage soll in Pratteln mit steigender Begeisterung gestreikt worden sein. Nach
dem Bekanntgeben des nationalen Abbruchentscheids wurde auch hier der Streik
beendet. Bevor am Freitagmorgen die Arbeit wieder aufgenommen wurde, erfolgte
aber, wie der Vorwärts ausführte, noch eine militärische
Machtdemonstration. In aller Frühe seien „Kosaken wie verrückt“ durch
das Dorf gesprengt, was entsprechend giftig kommentiert wurde: „So endigte
unser Landesstreik in Pratteln mit einer Militärattacke auf menschenleere
Gassen und dabei schwindeln unsere Militärtrottel das Volk an, es sei für
Grenzschutz und zur Landesverteidigung. Soeben läuten die Friedensglocken
durchs Land und verkünden zugleich auch den inneren Frieden. Aber ihr Ton ist
kein heller, die Sprache ist noch unsicher, sie deutet auf noch viel heftigere
Stürme, wir sind nicht besiegt, nicht geschlagen, nur in die Defensive zurückgedrängt.
Die gründliche Abrechnung steht noch bevor.“
Langfristiger
Erfolg
Obwohl
der Generalstreik von 1918 keine unmittelbaren Erfolge zeitigte, blieb er
nicht ohne Auswirkungen. Zunächst einmal belastete die Zuspitzung des
Klassenkampfs das Verhältnis zwischen der Arbeiterschaft und dem Bürgertum
auf eine lange Zeit hinaus. Gleichzeitig aber wurde auch deutlich, dass in
dieser Krisensituation Reformen unumgänglich waren. So wurde schon im Frühjahr
1918 die 48-Stundenwoche eingeführt. Das Proporzwahlrecht für den
Nationalrat wurde verwirklicht und auch im Baselbiet kam im Anschluss daran
der Proporz zum Durchbruch. Von 1920 an wurde auch in Pratteln der Gemeinderat
nach dem gerechteren Verhältniswahlrecht gewählt (bis vor vier Jahren auf bürgerliche
Initiative hin diese sinnvolle und ausgleichende Einrichtung wieder
abgeschafft wurde.). Auf die AHV musste man freilich bis 1947 warten, und „frau“
wartete auf das Frauenstimmrecht bis 1971!
Die
Geschichte entstauben!
Die
Geschichte des Generalstreiks in Pratteln hat noch viele andere Facetten.
Weitere Quellen müssen „angezapft“ werden, vielleicht auch noch mündliche.
Wer kann sich heute noch an diese Episode aus der Kindheit oder an Erzählungen
der Eltern erinnern? Wer hat noch Dokumente zu Hause, in irgendeinem
verstaubten Winkel? (Leider sind die Protokollbücher der SP Pratteln aus
diesen Jahren nicht mehr vorhanden).
Vielleicht
tauchen bei dieser Gelegenheit auch noch ganz andere Episoden aus der
Geschichte der Prattler Arbeiterbewegung auf. Sie sind es wert, überliefert
zu werden. Diese Geschichte ist erst noch zu schreiben. Wer dazu mit
Erinnerungen, mit Dokumenten und mit eigenen Berichten beitragen kann, ist
hiermit herzlich eingeladen, sich an mich zu wenden. (Ruedi Brassel
, Hauptstr. 60, Tel. 821
48 65)
Bouquet
für eine soziale Schweiz
Die
„gründliche Abrechnung“, von welcher
der Vorwärts gesprochen hatte, kam zwar nicht.
Trotzdem kann eine eher positive Bilanz gezogen werden. Denn die Mobilisierung
und die Erbitterung über die kurzfristige Niederlage hat langfristig die
Durchsetzungskraft der Arbeiterbewegung gestärkt.
Und
ein Generalstreik heute? „Wären wir dazu in der Lage?“ – fragt in der
WoZ der neue Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Nationalrat
Paul Rechsteiner rhetorisch. Sicher nicht. Sicher stehen heute, in der Zeit
der Globalisierung und der Informatisierung, andere Formen der
Auseinandersetzung im Vordergrund. Doch angesichts des Rollback in der
Sozialpartnerschaftspolitik scheint auch die Streikwaffe wieder an Bedeutung
zu gewinnen, wie es verschiedene Beispiele aus der Westschweiz zeigen.
Sicher
ist dabei auf jeden Fall, dass die Linke ihre Mobilisierungsfähigkeit erhöhen
muss, in den Gewerkschaften und in der Politik, in den Betrieben, an der Urne
und beim Sammeln von Unterschriften. Zum Beispiel für das „Bouquet“ der
Initiativen für eine soziale Schweiz, das vom SMUV, der GBI und der UNIA
lanciert worden ist und eine kürzere Arbeitszeit, eine Kapitalgewinnsteuer ,
eine Lehrstellen-Initiative und zwei gesundheitspolitische Vorlagen vorsieht.
Auch in der SP Pratteln werden wir in Standaktionen mit diesem Bouquet
aufwarten!